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Geben und Nehmen

Die Macht des Teilens oder: Warum muss The Pirate Bay leben?

Ein kurzer Abriss zum aktuellen Prozess gegen oder für die Betreiber der Welt größten Torrent-Verzeichniss.

Filesharing, wie es geht und warum es toll ist

Wenn ich dir ein Fahrrad gebe, dann besitzt du nachher ein Fahrrad mehr und ich ein Fahrrad weniger. Insbesondere können wir nicht beide dasselbe Fahrrad gleichzeitig besitzen. Ich kann natürlich versuchen das Fahrrad zu kopieren, damit wir zusammen fahren können, aber der Kopiervorgang ist sehr aufwendig. Wenn du diesen Text hier liest, dann ist er, über mehrere Vermittler, von mir an dich gegeben worden. Der Kopiervorgang ist dabei so einfach gewesen, daß wir, fast zwangsläufig, jetzt beide gleichzeitig im Besitz dieses Textes sind (sein können). Datenobjekte, also Texte, Filme, Musik und andere, haben die Eigenschaft, dass sie, im Gegensatz zu meinem Fahrrad, einfach, fast kostenlos und ohne Qualitätsverlust transportiert und vervielfältigt werden können.

Dieser Austausch (mit integriertem Kopiervorgang) kann auf viele verschiedene Arten bewerkstelligt werden. Das BitTorrent -Protokoll ist einfach eine wirklich kluge Art, dies für große Datenmengen und eine große und weit verteilte Menge von Sendern und Empfängern effizient zu bewerkstelligen.

Der Prozess

Der Prozess gegen The Pirate Bay in Schweden handelt prinzipiell genau davon, ob und für welche Objekte dies Art von Austausch erlaubt sein soll.  The Pirate Bay ist eine Webseite auf der sogenannte Torrents suchbar und kostenlos angeboten werden. Ein Torrent ist eine Datei in der beschrieben steht, wie ein bestimmtes Datenobjekt mit dem BitTorrent-Protokoll zu holen ist. Weil diese Datenobjekte manchmal dieselben sind, die von der Entertainment-Industrie (sprich Film-, Musik-,... Industrie) auf Datenträgern oder in Vorführungen verkauft werden, hat eine Vereinigung von verschiedenen Firmen The Pirate Bay wegen Urheberrechtsverletzung angeklagt.

Urheberrechtsverletzung ist so etwas wie Diebstal, nur, dass es eben nicht darum geht, dass ein Eigentümer ohne sein Einverständnis den Besitz einer Sache verliert, sondern, dass die Nutzung der Kopien einer Sache in irgendeiner Weise legal eingeschränkt ist. Das Anliegen der Kläger ist, das ihnen Geld verloren geht, weil sie jetzt weniger Kopien auf Datenträgern verkaufen. Ob das in diesem konkreten Fall tatsächlich so ist, ist nicht nur in diesem Prozess umstritten, sondern wird von verschiedenen Wissenschaftlern allgemein angezweifelt. Ohne diesen Punkt hier auszubreiten: es gibt Stimmen und Gegenstimmen und beide Seiten bezichtigen sich wahlweise der Voreingenommenheit und anderer unschöner Dinge.

Die Ankläger vertreten den Standpunkt, das die Pirate Bay zumindest Helfer bei Betrug oder Diebstahl ist. Die Verteidigung argumentiert, dass die angebotenen Torrents tatsächlich nicht die urheberrechtlich geschützten Dinge sind und deshalb tatsächlich nichts (in Schweden) verbotenes getan wird und ausserdem den Klägern überhaupt kein Verlust entsteht. Details zum Prozess finden sich im Internet zuhauf, zum Beispiel ziemlich komplett beim torrentfreak .

keine Ausreden! der Repräsentant ist das Ding

Aber man sollte sich auch nicht in die Tasche lügen. Formaljuristisch mag das Hauptargument der Verteidiger durchaus richtig sein, daß die Torrent-Files keinen urheberrechtlich geschützten Inhalt enthalten, aber vom technischen Standpunkt her muß man sich eingestehen, dass Repräsentant und Ding auf der semantischen Ebene äquivalent sind. Ebenso wie eine Inode die Datei repräsentiert, repräsentiert ein Torrentfile den Film dahinter. Von einer höheren Ebene gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden, weil der eine nicht ohne das andere sein kann, und umgekehrt. Weitere Beispiele wären Referenzen in Java, Pointer auf Datenobjekte in C, und viele andere. Die Informationstechnik besteht komplett aus Repräsentanten für Objekte; dieses Konzept ist gewissermaßen die Grundlage aller Datenverabeitung.

Das Ding selbst ist also ein abstraktes semantisches Objekt, welches erst durch seine Repräsentanten interpretierbar oder auch überhaupt erst einmal wahrnehmbar wird

Damit steht die Verteidigung der Pirate Bay meiner Meinung nach auf schwachen Füßen. Aber in dem Prozess geht es letztendlich nicht um technische Realität, sondern um juristische Konstrukte.

Trotzdem: das Problem liegt nicht am Tauschen und Vervielfältigen

Das Problem geht aber weit über den Prozess und die juristische Legalität hinaus; es ist ein gesellschaftliches Problem. Mit der Erfindung der elektronischen Datenverarbeitung befinden wir uns das erste Mal in der Situation, dass wir quasi-materielle Güter nahezu kostenlos vervielfältigen können. Mit "quasi-materiell" beschreibe ich hiermit Dinge die natürlich irgendwo eine materielle Repräsentation haben, zum Beispiel als Ladung in der Datenleitung, die aber selbst nicht stofflich an sich sind, zum Beispiel Texte, Bilder und Töne. Diese Dinge können aber in materielle Tauschäquivalente umgesetzt werden und werden auch mittels materiellem (substanziellen) Aufwand erzeugt, zum Beispiel Geld, Arbeitszeit und Kulissen. Damit sind sie ähnlich quasi-materiell wie andere "substanzlose" Dienstleistungen. Die neue Situation ist aber, daß datenförmige quasi-materielle Dinge durch die Repräsentationsform beliebig transportiert und vervielfältigt werden können und, daß wir mittlerweile die Technologie besitzen dies ohne Qualitätsverlust nahezu kostenlos zu tun.

Das klingt wie ein Perpetuum Mobile, was es natürlich nicht ist, weil eben die Erzeugung zunächst materiellen Aufwand erfordert. Genau das ist das Hauptargument der Entertainment-Industrie und es ist natürlich korrekt. Was dabei aber immer unterschlagen wird, ist, dass die Entertainment-Industrie diese Arbeit eben nicht, oder nur zu einem kleinen Teil, leistet. Die Kernkompetenz der Industrie -- verzeiht diesen BWL-Begriff -- ist die Werbung, Vermarktung und Vervielfältigung der quasi-materiellen Güter. Aber eben nur bis jetzt, denn das Geschäftsmodell der gesamten Industrie beruht nach wie vor darauf, dass die Verfielfältigung der Güter bis dato nur im großen Maßstabe effizient und verlustfrei durchzuführen war. Dieses Paradigma ist nun gefallen, mit dem kleinen Nebeneffekt, dass Werbung und Vermarktung hauptsächlich Kosten produzieren und kaum Gewinn abwerfen. (Ausserdem können auch diese beiden Standbeine mittlerweile ohne große Investitionen und kostengünstiger bewerkstelligt werden. Das ist ein Effekt den die Industrie aber gerne ausnutzt.)

Was im Kern bleibt, ist, dass der zwingende Grund für die Existenz der Entertainment-Industrie größtenteils weggebrochen ist. Die Karten sind neu gemischt worden und es wird Zeit, sich auf die Gruppen zu konzentrieren, die für dieses Spiel notwendig sind: die Produzenten und die Konsumenten. Beide Seiten haben ein Interesse daran, dass der Kreislauf nicht zusammenbricht, und alleine deshalb werden Wege gefunden werden (müssen), den  Fluss an Dienstleisung von Produzent zu Konsument in die andere Richtung auszugleichen.

Ganz sicher wird es Veränderungen geben. Vielleicht ist auch die Zeit der Superstars mit horrenden Einkommen vorbei, ganz sicher ist aber das Ende der Vervielfältigungsindustrie gekommen. Genauso wie die Zeit der Eselskarren vorbei war, als das Automobil und das Flugzeug erfunden wurden, oder wie die Segelschiffe ausstarben, als das Dampfschiff die Welt eroberte.

[Go, PirateBay, Go!] Und damit sind wir zurück am Anfang, denn The Pirate Bay ist eben nur ein kleines Teil eines wirklich cleveren und effizienten Protokolls zur Verteilung und Vervielfältigung quasi-materieller, datenrepräsentierbarer Dinge. Der Bedarf für diese Technologie ist so alt wie die Schrift, die Sprache und die Musik. Die Menschheit darf sich nicht selbst kastrieren, indem sie diese Errungenschaft unterdrückt. Und deshalb:

"ARRRGH GO PIRRRATE BAY! SAIL HO!"

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